Versicherung

Grob fahrlässig? Das kostet Geld!

Wer einen Schaden grob fahrlässig verursacht, bekommt nur einen Teil erstattet. Es sei denn, er genießt einen besonderen Versicherungsschutz

Das kann schnell mal passieren: Ein Teelicht oder eine Kerze brennt herunter, fällt vom Tisch oder kommt anders mit brennbarem Material in Kontakt. Neben dem Schaden, den Feuer und Löschwasser anrichten, kommt Ärger mit der Versicherung hinzu. Denn obwohl der Versicherungsvertrag seit Jahren besteht und die Prämien immer pünktlich überwiesen wurden, will die Assekuranz plötzlich nur einen Teil des Schadens regulieren. 

Der Vorwurf lautet, der Versicherungsnehmer habe »grob fahrlässig« gehandelt: Er hat in einer bestimmten Situation die nötige Sorgfalt in hohem Maß außer Acht gelassen. Deshalb erstattet die Versicherung nur einen Prozentsatz, den sie nach Prüfung der Umstände selbst festlegt. Gekürzt wird in der Regel pauschal erst einmal um 50 Prozent. Nimmt der Kunde das widerspruchs- und klaglos hin, ist der Fall erledigt. Der Bundesgerichtshof (Az. IV ZR 225/10) hat entschieden, dass eine pauschale Kürzung in jedem Fall unzulässig ist, es muss immer der Einzelfall betrachtet und die näheren Umstände in die Beurteilung einbezogen werden. Das ist dann die Chance des Versicherungsnehmers. Kann er mildernde Umstände benennen, die sein Tun rechtfertigen, und ist die Assekuranz gewillt, sie zu akzeptieren, dann kann sich der Prozentsatz noch zu seinen Gunsten erhöhen. 100 Prozent gibt es aber in keinem Fall.

Ganz oder gar nicht

Das war früher anders, da galt nämlich das Alles-oder-nichts-Prinzip. Hatte ein Versicherungsnehmer grob fahrlässig gehandelt, dann ging er komplett leer aus. Wurde die grobe Fahrlässigkeit verneint, weil es sich nur um eine leichte Fahrlässigkeit gehandelt hat, dann musste die Versicherung zahlen, und zwar zu 100 Prozent. Mit der Einführung der Quotenregelung 2008 wollte der Gesetzgeber die Rechte des Versicherungsnehmers stärken. Ziel war es, für den Einzelfall eine gerechtere Lösung herbeizuführen, damit Geschädigte wenigstens einen Teil des Schadens ersetzt bekommen. 

WENIGER GELD 
Doch das ging nach hinten los. Die Quotenregelung bewirkt in der Praxis, dass per se ein Großteil der Schäden als grob fahrlässig eingestuft und deshalb nur zum Teil bezahlt werden. Die Liste möglicher grob fahrlässiger Verhaltensweisen ist lang, am längsten bei der Kfz-Versicherung. 

KFZ-SPARTE 
Eine rote Ampel überfahren, ein Stoppschild missachten, bei Eisglätte mit Sommerreifen fahren, mit unpassendem Schuhwerk ins Auto steigen, zum Vordermann zu dicht auffahren, ein riskantes Überholmanöver durchführen, das Handy ohne Freisprecheinrichtung nutzen, SMS oder E-Mail schreiben, einem Kleintier ausweichen, im Dunkeln ohne Licht fahren, die Einbahnstraße in falscher Richtung befahren, Alkohol am Steuer, den Zündschlüssel stecken lassen, im Handschuhfach aufbewahren oder mit der Jacke an die unbeaufsichtigte Garderobe hängen – alles grob fahrlässige Handlungen, die mit Abzug beim Schadensersatz bestraft werden, wenn sie in ursächlichem Zusammenhang mit einem Unfall oder Diebstahl stehen. 

ALKOHOL
Ganz leer geht bei der Kaskoversicherung aus, wer einen Unfall mit mehr als 1,1 Promille Alkohol im Blut verursacht. Nur die Schäden des Unfallgegners werden über die Kfz-Haftpflichtversicherung vollständig reguliert. Für das gezahlte Geld kann die Assekuranz aber den fahruntüchtigen Autofahrer mit bis zu 5 000 Euro in Regress nehmen.

Schäden an Haus und Wohnung 

Wer Dieben ihr Tagwerk erleichtert, indem er die Wohnungstür nur ins Schloss zieht, aber nicht zuschließt, ein Fenster angekippt und Wertgegenstände und Bargeld offen herumliegen lässt, der bekommt nur einen Teil des Schadens ersetzt. Wer im Bett raucht und dadurch ein Feuer entfacht, riskiert ebenso einen prozentualen Abzug von der Schadensumme wie derjenige, der seine Waschmaschine oder den Geschirrspüler ohne Aquastop betreibt, wenn er nicht zu Hause ist. Auch wer die Markise trotz Sturmwarnung ausfährt oder das Dachfenster bei Minusgraden offen stehen lässt, setzt seinen Versicherungsschutz aufs Spiel, genau wie derjenige, der im Winter die Heizung zudreht und in den Urlaub fährt.

Alles vom Einzelfall abhängig

Wer gegen die geringere Entschädigung vorgehen will, trägt ein hohes Prozesskostenrisiko. Denn der Ausgang ist höchst ungewiss, weil es für die meisten »Vergehen « keine Richtwerte gibt, um wie viel unter welchen Umständen gekürzt werden darf. Einzig bei der Kfz-Versicherung gibt es schon erste Erfahrungswerte.

RICHTWERTE
Wie schwierig es ist, eine solche Liste mit Richtwerten aufzustellen, lässt sich schon an einem Einzelbeispiel verdeutlichen. Gelangen Diebe durch ein auf Kipp stehendes Fenster in eine Wohnung, die der Bewohner vorher verlassen hat, dann hat der grob fahrlässig gehandelt und bekommt nur einen Teil des Schadens bezahlt. Wie hoch die Quote ist, hängt vom Einzelfall ab. Es kommt zum Beispiel darauf an, ob die Wohnung im Erdgeschoss oder in der vierten Etage liegt, also leicht oder schwer zu erreichen war. »War das Fenster im Erdgeschoss gut einsehbar, weil es an einer stark frequentierten Fußgängerzone lag, ist die Beurteilung eine andere, als wenn das Fenster Richtung Wald ging und weit und breit kein anderes Haus stand«, erklärt Dr. Susanne Punsmann, Fachanwältin für Versicherungsrecht. »Aber selbst bei einem Fenster im vierten Stock macht es einen Unterschied, ob sich gerade ein Gerüst an der Hauswand befand oder die Nachbarbalkone miteinander verbunden sind.« Wie viel Geld es gibt, liegt zum einen an der Versicherung, hier gibt es Unterschiede zwischen den Gesellschaften, weil jede unterschiedliche Schäden zu regulieren hat und anders kalkuliert. Landet ein Fall vor Gericht, dann hängt die Quote auch noch vom jeweils urteilenden Richter ab. Und natürlich vom Geschick des Versicherten.

Mildernde Umstände vorbringen

Bei einem Verkehrsunfall durch Überfahren einer roten Ampel kann die Tatsache, dass der Autofahrer fremd in der Stadt war und die mehrspurige Straße viele Ampeln nebeneinander hat, ihn möglicherweise entlasten. Auch die Tatsache, dass er gerade eine niederschmetternde ärztliche Diagnose erhalten hatte, könnte Versicherung und Gerichte milder stimmen. Mit dem Argument, die Sonne hat geblendet und die Ampelfarbe war daher nicht zu erkennen, sollte man hingegen vorsichtig umgehen. Wer nichts erkennt, darf auch nicht fahren. Ein paar Prozente mehr lassen sich aber bei kluger Argumentation allemal herausholen. Gefeilscht wird dann meist in Zehnerschritten, statt 50 gibt es dann also 60 oder 70 Prozent. Umgekehrt kann’s aber auch gehen. Unterlaufen einem Versicherten gleich mehrere Fehler (zum Beispiel rote Ampel mit abgefahrenen Sommerreifen bei Eisglätte überfahren), können die gekürzten Prozente addiert werden und die Leistung auf null sinken. Bekommt in einem Gerichtsprozess die Versicherung recht, dann hat der Kunde neben der geringeren Entschädigung auch noch die Gerichtskosten zu zahlen. Deshalb ziehen nur wenige Geschädigte vor Gericht, zumal sich der Aufwand wegen einer geringfügig höheren Quote kaum lohnt. Die meisten wenden sich mit ihrem Problem an die Verbraucherzentralen oder an einen auf Versicherungsrecht spezialisierten Fachanwalt. Den gibt es zwar auch nicht gratis, aber die Kosten für Beratung und ein paar Schreiben an die Assekuranz sind überschaubar. Der Jurist versucht, das Problem außergerichtlich mit der Versicherung zu klären, wenn der Mandant nicht klagen will. 

Kürzung auch bei Regulierung 

Die grobe Fahrlässigkeit wird aber nicht nur bei der Verursachung eines Versicherungsfalls berücksichtigt, sondern auch dann, wenn man den Schaden beim Versicherer geltend machen will. Verletzt nämlich ein Versicherungsnehmer seine »vertraglichen Obliegenheiten«, kann er ebenfalls (fast) leer ausgehen. 
Beispiel: Nach einem Einbruchdiebstahl in seine Wohnung muss der Geschädigte unverzüglich Anzeige bei der Polizei erstatten und eine Stehlgutliste vorlegen und dann diese Liste inklusive Anzeige, Belegen und Fotos an die Versicherung schicken. Und zwar zügig. Lässt er sich damit fünf Wochen Zeit, wird die Leistung um 40 Prozent gekürzt. 

Streit lässt sich vermeiden

Wer mit alldem nichts zu tun haben will, kann in Hausrat-, Wohngebäude und Kfz-Versicherungsverträgen den Tarifbaustein »grobe Fahrlässigkeit« mitversichern. Damit bekommt er im Ernstfall die volle Entschädigung, selbst wenn er einen schusseligen Fehler gemacht hat. Der Aufpreis für die Klausel ist erstaunlich gering. Bei einer Hausratversicherung macht er zum Beispiel gerade einmal 15 Euro im Jahr aus. In den teureren Premium- und Komforttarifen, die ohnehin ein breiteres Leistungsspektrum haben (zum Beispiel Diebstahl aus Kfz rund um die Uhr, Überspannungsschäden, Diebstahl von Hausrat am Arbeitsplatz, Fahrraddiebstahl), ist der Schutz in der Regel automatisch schon mit drin. Das erspart den Kunden im Schadensfall jede Menge Ärger, Aufregung und Streit mit ihrer Versicherung.

von Ilona Hermann

Artikel von Gast verfasst
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