Psychologie

Das Leben entrümpeln

Ob in der Wohnung, im Arbeitsalltag oder in der Beziehung: Wer aufräumt, stärkt Gesundheit, Gehirn und die Seele

Thinkstock

Platz da! 10 000 Dinge im Haushalt sind zu viel. Wer sich von Überflüssigem trennt, fühlt sich freier.

Am liebsten sitzt Jens Förster in ­seinem Wohnzimmer am großen Gesindetisch, mit Blick auf seine riesige Bibliothek. So auch an einem Tag im Jahr 2012. Sein Arzt hat ihm wegen ­Erschöpfung ein paar Tage Pause verordnet. Doch Nichtstun liegt dem Mann aus Westfalen nicht, also macht er sich ans Auf­räumen. Und merkt, dass er die meisten Dinge, die er sortiert, abstaubt und zurechtrückt, seit Jahren nicht angeschaut, geschweige denn benutzt hat.

Auswirkung. In den Schränken und Kommoden stapeln sich kaputte Technik und Tischwäsche mit Mustern, die längst aus der Mode gekommen sind. Im Keller findet er ungeöffnete Kisten vom vorletzten Umzug. Jens Förster fühlt sich förmlich erdrückt. Und er handelt. »Ich holte mir ein paar Abfallsäcke und füllte sie mit all dem Zeug, das ich seit Jahren nicht mehr benutzt hatte«, erzählt Förster. Drei Tage später trägt er 30 Sechzig-Liter-Säcke aus dem Haus, verschenkt 20 Paar Schuhe und 300 Bücher. »Ich fühlte mich richtig gut – und befreit.« Auch das Gefühl der Erschöpfung ist verschwunden.

Zugemüllt. 10 000 Dinge hat der Durchschnittsdeutsche statistisch in seinem Haushalt. Mindestens die Hälfte davon nutzt er so gut wie nie. Der Termin­kalender ist meist ebenso vollgestopft. Eine Verpflichtung jagt die nächste, und das echte Leben rauscht nur noch an einem vorbei. Diese ständige Anspannung treibt den Spiegel des Stresshormons Cortisol so lange auf Rekordhoch, bis der Körper mit der Produktion nicht mehr hinterherkommt. Der amerikanische Neuroendo­krinologe Bruce McEwen konnte in Studien zeigen, dass Dauerstress regelrechte »Abnutzungserscheinungen« im Organismus verursacht: Die Gefahr für Bluthochdruck, Diabetes und Depressionen steigt.

Ballast abwerfen. Dabei sehnen sich viele Menschen in Wahrheit nach Ordnung und Klarheit – äußerlich und innerlich. ­Japanische Aufräumexperten sind überzeugt: Wer radikal ausmistet und sich nur noch mit Dingen umgibt, die er wirklich nutzt und schätzt, macht seine Wohnung wieder zu einer Kraftquelle. 2012 befragten Samuel Alexander und Simon Ussher vom Simplicity Institute in Australien 2 000 Anhänger eines bewusst einfachen Lebensstils und fanden heraus: Die Hauptmotivation für dieses Downsizing (englisch = Verringerung) ist das Ziel, ein glücklicheres Leben zu führen.

»Menschen, die bewusst mit weniger Dingen auskommen, fühlen sich eindeutig besser«, bestätigt auch Aufräumer Jens Förster, der heute als Professor für Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum arbeitet. Hier baut er seit 2014 ein »Zentrum für Selbst-Regulation« auf. Für Förster war seine Aufräumaktion ein ­Auftakt in ein neues Leben. Er zog in eine kleinere Wohnung und veränderte sich ­beruflich. Inspiriert von seiner eigenen ­Erfahrung mit dem Entrümpeln seines ­Lebens schrieb Förster ein Buch (»Was das Haben mit dem Sein macht«, Pattloch Verlag 2015). Der Psychologe ist sich sicher: »So, wie es jetzt ist, ist es besser. Vor allem habe ich mehr Zeit.«

 

Arbeit & Schreibtisch

Ist-Zustand. Der Schreibtisch quillt über, und im Kopf rotieren die aktuellen Projekte und Aufgaben in Endlosschleife. Auch abends vor dem Fernseher grübelt man noch über berufliche Themen. Pri­vates rutscht völlig in den Hintergrund – gute Vorsätze, wie etwa zum Sport oder mit dem Partner ins Kino zu gehen, ebenso.

Auswirkung. Der Frust wächst, Schlafstörungen nehmen zu, private Aktivitäten werden selten. Das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden, schlaucht und macht zunehmend erschöpfter. Man fragt sich: Was mache ich falsch? Ich renne und renne und habe nie das Gefühl anzukommen.

Abhilfe. »Vielen Arbeitnehmern fehlt strategisches Denken«, weiß Karriere­beraterin Svenja Hofert (»Was sind meine Stärken?«, Gabal, 2016), »Doch nur wer klare Ziele hat, sieht den Weg, versteht den nötigen Prozess und wird Erfolg haben.« Ergo: Setzen Sie sich klare Ziele, die Sie ­erreichen wollen. Fragen Sie sich jeden Tag: Wenn ich heute nur eine Sache erledigen könnte, welche wäre das? Erledigen Sie sie sofort! Mittelfristig: Was gefällt mir in meinem Job? Was nervt mich? Reduzieren Sie die Energieräuber; schieben Sie etwa Aufgaben nicht auf die lange Bank, räumen Sie Ihren Schreibtisch auf. Langfristig: Wo möchten Sie beruflich hin? Teamleitung? Abteilungsleitung? Vorstandsebene? Dann gehen Sie es an! Bilden Sie sich fort, lernen Sie eine Fremdsprache, erweitern Sie Ihre Qualifikation.

 

Haushalt

Ist-Zustand. Im Schrank hängen Klamotten, die nicht mehr passen. Auf dem Fensterbrett sammelt sich verstaubte Deko. Auf dem Dachboden oder im Keller stehen Fahrräder, die keiner mehr fährt. Bücher, die man nie wieder lesen wird, unausgepackte Kisten vom Umzug …

Auswirkung. So viele überflüssige Dinge rauben Zeit, Energie und Lebensfreude. Vieles davon weckt negative Erinnerungen. Die zu engen Hosen mahnen an die frühere Traumfigur. Die Bücher­kiste ist ein Überbleibsel des Exmanns. Asiatische Aufräumexperten sehen in den Gerümpelbergen eine regelrechte Blockade für die Lebensenergie.

Abhilfe. Die Expertin für »Magic Cleaning«, Marie Kondo, hat ein einfaches und effizientes System entwickelt, mit dem Sie ein für alle Mal Ordnung schaffen: Legen Sie alle Dinge einer Kategorie vor sich auf den Boden. Also: Kleider, Bücher, Papiere, Kleinkram, Erinnerungsstücke. Nehmen Sie jeden Gegenstand in die Hand und achten Sie auf die Reaktion von Körper und Seele. Man spürt schnell, ob man ihn mag oder eher nicht. Was den Gefühls-Check nicht besteht, kommt in die Mülltonne oder zu Ebay. Achten Sie auf die  Reihenfolge: erst weniger Emotionales. Am Schluss die Erinnerungsstücke.

Schaffen Sie feste Orte für jedes Ding. Schlüssel gehören ans Schlüsselbord. Alle Röcke gehören nebeneinander. So steigt die Chance, dass die Ordnung bleibt. Achten Sie darauf, dass es übersichtlich aussieht. Marie Kondo beispielsweise faltet ­jedes Kleidungsstück zu einem perfekten Viereck und stellt es aufrecht in Schubladen. Socken werden gerollt und ebenfalls aufrecht in Kistchen sortiert.  

 

Digitales

Ist-Zustand. Wann checken Sie das erste Mal die Nachrichten und E-Mails auf Ihrem Handy? Immer mehr Menschen tun das noch vor dem ersten Kaffee – und sind dann für den Rest des Tages »on«. Bei der Arbeit ist die digitale Sucht bereits Stör­faktor Nummer eins: »Im Schnitt brauchen Sie sechzehn Minuten, um zur ursprüng­lichen Aufgabe zurückzukehren«, erklärt Ulrike Stöckle, Betriebswirtin und E­r­fin­derin der Digital-Detox-Camps. Die Nonstopkommunikation hält auch nichts vom Feierabend: 42 Prozent der Deutschen checken laut einer Umfrage der ­Gesellschaft für Unterhaltungselektronik Arbeits-E-Mails noch nach Feierabend.

Auswirkung. »Die digitale Ablenkung zerstört die Konzentrationsfähigkeit«, erklärt Stöckle. Selbst wenn man einmal störungsfrei lesen oder entspannen könnte, langweilt man sich nach wenigen Minuten  und schreibt selbst eine SMS oder Mail. Extreme Ausprägungen der Ablenkbarkeit gelten sogar als Krankheit, medizisch als Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS). Das Problem dabei: Wer sich nicht konzentrieren kann, wird irgendwann handlungsunfähig, und auch der berühmte »Flow« beim Arbeiten stellt sich einfach nicht ein.  

Abhilfe. Das Gehirn braucht Pausen vom digitalen Futter. »Man muss lernen, die Störquellen auszuschalten«,sagt Ulrike Stöckle. E-Mails nur alle zwei Stunden checken, dann wird das E-Mail-Programm geschlossen. Starten Sie offline in den Tag. Und arbeiten Sie effektiv: Aufgabe analysieren, Wecker auf die benötigte Zeit stellen, Tür zu, Handy aus und los geht’s.

 

Freunde & Umfeld

Ist-Zustand. »Die Hölle, das sind die anderen«, stellte bereits der Schriftsteller Jean-Paul Sartre fest. Und jeder, der eine stets jammernde Freundin hat, einen kritikwütigen Schwiegervater oder eine zickige Kollegin, weiß, was damit gemeint ist.

Auswirkung. Beziehungen mit schwierigen Menschen rauben Kraft. Jede Begegnung wird zum Kampf, aus dem man selbst oft verletzt rausgeht. »Wir hoffen zu lange, der andere werde sich ändern«, weiß ­Kommunikationspsychologin Karen Zoller (»Schwierige Mitmenschen«, Rowohlt).

Abhilfe. Dass dies passiert, sei eher unrealistisch, so die Psychologin. Besser funktionieren Methoden, mit deren Hilfe man mit schwierigen Menschen einen guten Umgang finden kann. Wie etwa die Brücke: »Ist Ihnen die Beziehung wichtig, versuchen Sie, die Beweggründe des anderen für sein Verhalten zu verstehen«, erklärt Zoller. Vielleicht steckt hinter der Zickigkeit der Kollegin Unsicherheit? Manchmal hilft eher die Käseglocke, wenn man sich mit dem schwierigen Menschen nicht so intensiv beschäftigen möchte. »In dem Fall kommunizieren Sie nur noch auf der ­Sach­ebene«, rät Zoller. Man sagt, was man möchte – und geht emotional auf Abstand. Den lauten Kollegen etwa bittet man höflich, beim Telefonieren leiser zu sprechen.  

 

Gewohnheiten

Ist-Zustand. Gewohnheiten sind Verhaltensprogramme, die man ausführt, ohne darüber nachzudenken: morgens die Zähne putzen, die Schuhe beim Betreten der Wohnung ausziehen. Auch unliebsames Verhalten ist so ein automatisiertes Programm: der Griff nach Süßem, wenn man gestresst ist, oder die bleierne Müdigkeit, wenn der Sporttermin näher rückt.

Auswirkung. »Gewohnheiten nerven uns selbst, wenn sie uns zu etwas verführen, was wir nicht wollen. Weil wir merken, dass uns dieses Tun nicht guttut, uns dick oder unglücklich macht«, weiß Selbst­management-Expertin Cordula Nussbaum. Das stresst und macht unzufrieden.

Abhilfe. Nussbaum beschreibt in ihrem Buch »Geht ja doch!« fünf Schritte, wie man unliebsame Gewohnheiten für immer loswird. Die Grundidee: der schlechten Gewohnheit den Auslöser entziehen. Die Tricks: Gehen Sie zum Sport, bevor Sie auf dem Sofa chillen. Lassen Sie Schokolade und Chips gnadenlos im Regal. Gewohnheiten sind störanfällig – fällt der Auslöser weg, ist die Gewohnheit oft auch weg. Sie schaffen das nicht? »Hinter­fragen Sie, was Sie durch die schlechte Gewohnheit gewinnen«, rät Nussbaum. Beim Pizza-Essen in netter Runde ist es vielleicht das Zugehörigkeitsgefühl. Suchen Sie sich eine Ersatzhandlung, trinken Sie zum Beispiel einen Geselligkeits-Cappuccino. Auch hilfreich: Suchen Sie sich einen T.i.d.A. (Tritt in den Allerwertes­ten)-Partner, der Sie zum Joggen abholt. Und: Loben Sie sich für Ihre Erfolge!

 

Stressfallen: Von Perfektionismus bis Schlafmangel

Perfektionismus

40 Prozent der Deutschen machen sich selbst den größten Druck. Was hilft? Sofort innehalten, sobald die innere Stimme ruft: »Beeil dich! Mach es perfekt! Es geht bestimmt noch besser …« Halten Sie inne und fragen Sie sich: Ist die Eile jetzt nötig, oder hetze ich mich vor ­allem selbst? Denken Sie an die Erkenntnis von Mahatma Gandhi: »Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.«

Selbstüberforderung

Ständig halst man sich neue Aufgaben auf und kann nicht delegieren. Die Kollegin zieht um: Man hilft, obwohl man von der Arbeitswoche erschöpft ist. Die Wohnung schreit nach Hausputz – und das mutet man lieber sich selbst als an­deren zu. Stopp! Durchatmen. Gehirn einschalten, sich und seinen Körper fragen: Welche Aufgabe kann ich mir wirklich noch zumuten? Und: Wo finde ich Menschen, die mir helfen?  

Zu wenig Pausen & Schlaf

Macht dick, zuckerkrank und vergesslich, denn der Kortisolspiegel ist dauerhaft erhöht. Sorgen Sie für genug Schlaf. Auch zehn Minuten Powernap am ­Mittag wirken Wunder. Alternativ: in der Pause im nahe gelegenen Park die Augen schließen, auf den ruhig fließenden Atem konzentrieren.

Flüssigkeitsmangel

Macht stressanfälliger und verhindert, dass wir Stress effektiv verarbeiten können. Pro Tag 1,5 Liter Tag trinken. Stellen Sie sich stündlich einen Wecker und nehmen Sie einen Schluck, weil Sie sonst garantiert vergessen zu trinken.  

Schlechte Nachrichten

Immer nur Bad News zu hören und zu sehen bringt die Stresshormone auf Hochtouren. Trick: bewusst positive Botschaften wahrnehmen und in Stress-Hochzeiten vielleicht lieber »Men in Black 3« als neue Terrormeldungen konsumieren.

 

Autorin: Carola Kleinschmidt
Erstellt am 30.08.17

Artikel von Gast verfasst
Druckversion

Weitere Artikel in dieser Kategorie

Hautpflege

Die Wahrheit über Anti-Falten-Cremes

Unzählige Cremes versprechen, Falten zu glätten. Können sie das überhaupt? Und wenn ja, welche Substanzen helfen wirklich?

weiterlesen

Schlafstörungen

Endlich gut schlafen

Viele Faktoren können den erholsamen Schlummer stören und die Nächte zum Albtraum machen. Von Atemtechnik bis Schlafentzug: was wirklich etwas nützt

weiterlesen

Hausmittel

Ein Prost auf die Grippe

Whisky, Heilpflanzen, Honig, Wickel und Tees helfen, Viren zu bekämpfen. Wissenschaftlich bewiesen!

weiterlesen